Serie Georg Metzendorf, Teil 3: das Bauhaus

Manfred Raub
Manfred Raub lebt seit 1979 auf der Margarethenhöhe. Er ist Mitbegründer des Kunstkreises Margarethenhöhe und Inhaber des Ateliers am Laubenweg. Seit 2008 ist er als Gästeführer auf der Höhe unterwegs. Aus seiner umfangreichen historischen Foto- und Postkartensammlung erstellt er regelmäßig Kalender und unterstützt auch diesen Blog mit Texten und Bildern.
Bild oben: Großes Atelierhaus Stiller Winkel, erbaut 1929. Foto: Rainer Metzendorf
Selbstverständlich war Georg Metzendorf mit den unterschiedlichen Stilen und Strömungen in der Architektur seiner Zeit verbunden. So wie seine Gartenstadt in der Ausprägung für modernes und menschengerechtes Wohnen ein Vorbild – nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit – für andere Architekten war, übernahm er auch Gestaltungselemente des von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses und prägte diese neue Art zu bauen auch mit. Einer seiner Assistenten, Hannes Meyer, war von 1928 bis 1930 (er wurde aus politischen Gründen entlassen) Bauhaus-Direktor in Dessau. Heute ordnet man diese länderübergreifenden Strömungen mit Begriffen wie „Funktionalismus“, „Klassische Moderne“, „Neue Sachlichkeit“, „Internationaler Stil“ oder „Neues Bauen“ ein.
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Häusergruppe Stiller Winkel, erbaut 1929. Foto: Rainer Metzendorf
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Neuer gestalterischer Ansatz
Dieses aufkommende „neue Bauen“ hat er eindrucksvoll mit den Wohnhäusern am Robert-Schmohl-Platz und Im Stillen Winkel unter Beweis gestellt. Es sind dies, gegenüber dem Erscheinungsbild der ersten Bauperioden der Margarethenhöhe, mit einem ganz neuen gestalterischen Ansatz ausgeführte Gebäude. Genauso modern sind die (einzigen) Flachdach-Gebäude auf der Höhe in der Straße Zur Eibe. Vor allem die Häuser im Stillen Winkel und am Robert-Schmohl-Platz weisen, im Gegensatz zu seinen vorherigen Bauten, größere Fensterflächen sowie Eckfenster auf. Getreu dem Motto: „Mehr Licht, mehr Luft, bessere Menschen!“
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Robert-Schmohl-Platz, erbaut 1927. Foto: Rainer Metzendorf
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Fortschritte in der Bautechnik
Diese größeren Fenster waren auch auf Fortschritte in der Bautechnik zurückzuführen: Fensterstürze und andere Bauteile aus (Stahl-)Beton ermöglichten große, waagerecht ausgebildete Fensteröffnungen. Und es wurden – ganz neu auf der Margarethenhöhe – diese Wohnungen erstmals mit Balkonen bzw. Loggien ausgestattet. Aber, dem Gartenstadt-Gedanken treu geblieben, gehörte immer noch zu jeder Wohneinheit das obligatorische Gartenstück hinter dem Haus. Sehr fortschrittlich und modern war auch das, leider im Krieg völlig zerstörte, „Große Atelierhaus“. Es vereinte die einzelnen Ateliers mit den darüberliegenden Wohnungen der Künstler. Wegen dieser engen Verbindung von Wohnen und künstlerischer Arbeit fand ein reger Austausch zwischen den dort angesiedelten Künstlern statt. (Siehe hierzu auch den Bericht über Will Lammert hier im Blog).
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Rückansicht des Großen Atelierhauses mit den großen Fensterflächen Richtung Norden im Stillen Winkel, erbaut 1929. Foto: Rainer Metzendorf
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Künstlerkolonie mit Werkhaus und Atelierhaus
Leider fand die, von Margarethe Krupp angeregte, „Künstlerkolonie Margarethenhöhe“ mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein jähes Ende. Nur noch „linientreue“ Künstler erhielten dort Wohnung und Atelier. Im Gegensatz dazu ist das sogenannte „Werkhaus“ am Anfang der Straße Im stillen Winkel, direkt gegenüber dem „Kleinen Atelierhaus“ das Hermann Kätelhön als Atelier mit Druckwerkstatt bewohnte, in seiner Gesamtausführung mit den benachbarten „normalen“ Wohnhäusern vergleichbar. Im „Werkhaus“ waren u. a. die Werkstätten der Goldschmiedin Elisabeth Treskow und der Buchbinderin Frida Schoy untergebracht.
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Postkarte Eick-Haus (Repro: Manfred Raub) und Anzeige der Fa. Eick Söhne aus der Essener Volks-Zeitung vom 6. 12. 1913. (Das Gebäude am Kettwiger Tor wurde erst zwei Jahre später fertiggestellt.)
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Eick-Haus, Stadtbibliothek mit Schauspielhaus und Sparkasse
Zukunftsweisend waren auch die weiteren öffentlichen Bauten von Georg Metzendorf hier in Essen: z. B. das 1915 eröffnete Eick-Haus mit seinem markanten Pagoden-Dach (leider im zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und nicht wieder originalgetreu aufgebaut), das im Februar 1930 eröffnete Gebäude der Stadtsparkasse in der Rathenaustraße (in der äußeren Gestaltung weitgehend erhalten geblieben) und der kombinierte Bau von Stadtbibliothek und Schauspielhaus ebenfalls von 1930 (im Krieg stark beschädigt und mit veränderter Fassade wiederaufgebaut) in der Hindenburgstraße. Bei Sparkasse und Bibliothek war Metzendorf auch an der Planung der Innenausstattung beteiligt. Die Wandgestaltung in der Schalterhalle der Sparkasse stammte von Gustav Dahler, einem Mitglied der Künstlerkolonie Margarethenhöhe.
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Links: Stadtbibliothek mit dem Durchgang zum Schauspielhaus in der Hindenburgstraße, 1930; rechts: Café des Schauspielhauses. Fotos: Slg. Hugo Rieth
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Links: Schalterhalle der Stadtsparkasse 1930; rechts: Außenansicht des Hauses in der Rathenaustraße. Fotos: Slg. Hugo Rieth
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Vorwurf des „Kulturbolschewismus“
Aufgrund seiner modernen Architekturauffassung wurde Georg Metzendorf von den Nationalsozialisten „Kulturbolschewismus“ vorgeworfen und es wurde 1934 ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, das voraussichtlich mit einem Berufsverbot geendet hätte. Das politische Schlagwort „Kulturbolschewismus“ wurde in einem abwertenden Sinn für Künstler, Kunst, Architektur und Wissenschaft verwendet, die entsprechend den Vorstellungen des Nationalsozialismus als zu progressiv und linksgerichtet abgelehnt wurden.
Georg Metzendorf starb, knapp 60 Jahre alt, am 3. August 1934 und ist auf dem Essener Südwest-Friedhof mit Blick zu „seiner“ Margarethenhöhe beerdigt. Leider wurde im Bombenhagel des zweiten Weltkriegs auch sein Wohnhaus in der Goethestraße in Essen-Rüttenscheid zerstört und somit sind viele seiner Aufzeichnungen und Entwürfe verloren gegangen.