Heiligabend 1923
Die Margarethenhöhe im Schnee. Postkarte aus meiner Sammlung von 1921.
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Ilse Sälzer berichtet in den Margarethenhöher Notizen über das Weihnachtsfest 1923:
Ich wanderte mit meinen Großeltern und meiner Cousine den Pilotyberg hinab. Wir überquerten das Mühlbachtal, ließen die Brandsmühle zur Rechten und den stillen Teich zur Linken liegen und durchschritten die Unterführung, über die sonst Güter- und Personenzüge gefahren waren.
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Die Treppe am Brückenkopf im Schnee ca. 1925. Foto: Slg. Manfred Raub
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Ruhrbesetzung 1923
Obwohl ich ein achtjähriges Kind war, erinnerte ich mich gut, wie im Mai ein Stück Eisenbahnschiene auf unserem Bürgersteig sich tief in den Asphalt gebohrt hatte, weil die „Schlageterleute“ Sprengungen (Anm.: hier ein Anschlag auf die Eisenbahnlinie durch das Mühlbachtal) machten, um den Franzosen Widerstand zu leisten. Auch wusste ich genau, warum es nachts am Fensterladen klopfte, mein Vater die langschäftigen Stiefel anzog, einen dunklen Mantel überwarf, seine alte Offiziersmütze auf die Locken drückte und aus einer Lade das versteckte Seitengewehr (Anm.: = Bajonett; am Lauf von Schusswaffen zu befestigende Stichwaffe mit 20 bis 60 cm langer Klinge) hob. Ein flüchtiger Gruß und Vater trat in die Dunkelheit hinaus: Er übte mit anderen Männern eine Bürgerwehr aus, um die Margarethenhöher Bevölkerung vor möglichen Übergriffen der Franzosen zu schützen. Einmal im Sommer waren zwei hellblau gekleidete französische Soldaten aus dem Wald gekommen und hatten an unserer Teppichstange geschaukelt. Dann tauchten sie in das Dickicht zurück, nur die Zweige schwankten noch hinter ihnen…
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Der Weg durch den Wald an der Sommerburg
Mein Großvater rief mich in die Gegenwart zurück und zeigte mir einen Stern, der strahlend hell auf den schwarzen Zweigen der jungen amerikanischen Eichen saß, die die Mitte des Weges in schnurgerader Linie bezeichneten. Die Familie Krupp hatte noch nicht lange die Wälder für das Publikum geöffnet. (Die Sommerburg wurde 1918 geöffnet). Wir Kinder spielten darin. Oft neckten wir mit ein wenig Angst die grün uniformierten Wächter. Am schönsten war es in der Sommerburg, wenn bei gutem Wetter des sonntags Waldgottesdienst (Anm.: der ev. Gemeinde Margarethenhöhe) stattfand. Wenn die Posaunen ertönten, wenn die Leute sich auf den einfachen Bänken niederließen, wenn der Herr Pastor an seinem Steinaltar zu predigen begann, die Gemeinde fromme Lieder sang, dort, unter den hohen glattstämmigen Buchen, von denen das Eichhörnchen hinunterguckte. Selbst die Vögelchen lauschten, so schien es mir, und auch die braunen rotfüßigen Wasserhühnchen auf dem Sommerburgteich.
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Winter auf der Margarethenhöhe. Foto: Slg. Manfred Raub mit Dank an Frank Mayza
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Winterliche Welt
Jetzt aber war Winter, leichter Schnee knirschte unter unseren Schuhen, und wir erreichten den Waldeingang, den wir langsam bergauf schritten. An Lebeaus Haus, neben den viereckigen Bruchsteinsäulen mit den lustigen Tierfiguren oben auf, verharrten wir. Mein Opa zeigte uns das Sternenheer, das über den Bäumen blinkte und blitzte. „Das sind die Löcher“, sagte er, „die hat der liebe Gott in den Himmel gepiekt, damit wir wissen, wie es drinnen aussieht.“ Der liebe, treue, herzensgute Mann schaute uns mit seinen dunklen Augen so schelmisch an, daß wir Kinder nicht wussten, ob es ernst oder spaßig gemeint war. Die Oma mahnte zum Weitergehen.
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Endlich Bescherung
Wir liefen nun die Waldlehne entlang fast bis zum Giebelplatz, wo ich mit meinen Eltern im Haus Nr. 79 wohnte. Wir klinkten das weiße Holztörchen auf, erkletterten die drei schön geschwungenen Stufen vor der Haustür und setzten den eisernen Klopfer – getreu englischem Vorbild – lärmend in Bewegung. Mein Vater öffnete, die Mutter begrüßte uns, wir betraten die Wohnung, schälten uns aus unseren Mänteln und wärmten uns am grünen Kachelofen die kalten Hände. Dann klingelte das Glöckchen, und wir erblickten den kerzenstrahlenden herrlichen Weihnachtsbaum.
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Staunen über den glänzend geschmückten Weihnachtsbaum. Foto: Slg. Manfred Raub