Fußball auf der Höhe

Fußball auf der Höhe

18. Juni 2026 0 Von Manfred Raub

Bild oben: Der Kleine Markt lädt mit seiner großen, ebenen Fläche geradezu zum Fußballspielen ein. Und das wurde auch ausgiebig getan, wie man hier nachlesen kann. Postkarte: Slg. Manfred Raub

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Aus aktuellem Anlass möchte ich hier einen Beitrag von Heinz Stürmer aus den Margarethenhöher Notizen veröffentlichen. Er beschreibt, wie er mit seinen Freunden auf dem Kleinen Markt Fußball gespielt hat. Lesen Sie also aus seinen Erinnerungen:

Wenn des Abends der Kruppwagen, der den Konsum belieferte, verschwunden war, kam für die Jugend der Augenblick, tätig zu werden. In den zwanziger Jahren erwachte die Wandervogelbewegung erneut. Die Menschen hatten nach dem ersten Weltkrieg das Bedürfnis, sich wieder mit der Natur zu verbinden, altes Kulturgut neu zu beleben und Volkstänze mit den dazugehörigen Liedern aufzuführen.

So bildeten sich in unserem Wohnbereich eine Gruppe von männlichen und weiblichen Jugendlichen, die sich an Sommerabenden auf der Ecke Hoher Weg / Grüner Weg (heute: Stiller Weg) trafen und dann die alten Volkstänze zeigten und dazu sangen. Meine Geschwister, die alle älter als ich waren, beteiligten sich sehr rege daran, während ich als noch nicht zugelassener kleiner Bub zuschaute und am Rande des Kreises mittanzte und mitsang. Ich war davon so begeistert, dass ich schließlich alle Schritte und Bewegungen der Tänze, Melodien und Texte auswendig kannte. Noch bis heute sind einige der Tanzmomente und Texte in Erinnerung.

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Der Erzähler (Bildmitte) beim Fußballspiel. Foto: Bürgerschaft, Margarethenhöher Notizen

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Fußballspiel auf dem Kleinen Markt

Bei den Tänzen durfte ich leider nicht mitmachen. Dafür konnte ich mich auf dem Marktplatz beim Fußballspielen austoben. Vorweg möchte ich sagen, dass sich diese Tätigkeit auf Jahre erstreckte. Kuriose Mannschaften wurden gebildet und spielten gegeneinander: Hoher Weg / Hohlweg (heute: Metzendorfstraße) gegen Steile Straße / Winkelstraße / Tiefer Weg oder Katholiken gegen Protestanten, wobei es sich aber nicht um Glaubenskämpfe handelte, sondern nur darum, dass die Mannschaften eine Bezeichnung bekamen. Gespielt wurde mit kleinen oder mittleren Gummibällen, richtige Lederbälle hatten wir nicht, die waren zu teuer.

Trotzdem muss unser Spiel bei der Umgebung, z. B. bei den Händlern, die ihre Stände in den Markthallen eingerichtet hatten, nicht immer Anklang gefunden haben, denn hin und wieder sauste ein Ball nach einem Fehlschuss in einen Apfel- oder Gemüsekorb. Vermutet haben wir sogar, dass von diesen Leuten unsere Tätigkeit bei der Wohnungsverwaltung und sogar bei der Polizei angezeigt worden ist. Denn eines Tages tauchte der Wohnungsverwalter (Aufseher) auf und verjagte uns. Wir ließen uns aber nicht abschrecken, denn wir mussten ja trainieren, um es später einmal einem der damals berühmten Fußballspieler wie Heiner Stuhlfaut, Kalb oder Richard Hofmann nachzumachen.

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Die oben erwähnten Verkaufsstände unter den Arkaden am Kleinen Markt. Postkarte: Slg. Manfred Raub

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Flucht vor der Polizei.

Jetzt stellten wir an zwei Stellen, nämlich Steile Straße und Hoher Weg an der Markt-Treppe Wachen auf, die uns beim Auftauchen von Störenfrieden warnen mussten. An einem Nachmittag erschien plötzlich ein Polizist. Wir fingen im Weglaufen den Ball ein und sausten die Treppe hoch in Richtung Laubenweg, der Polizist hinterher. Wir liefen zum Giebelplatz und schauten uns um, der Ordnungshüter immer noch auf unserer Spur. Weiter ging es in Richtung Sommerburgstraße und links in den ersten Waldeingang. Jetzt atmeten wir auf. Aber wir hatten nicht mit der Hartnäckigkeit des Beamten gerechnet. Plötzlich erschien er am Waldeingang, wir rasten wieder los. Im Laufen hätte er uns nie eingeholt, dazu war er zu pummelig und mit einem beachtlichen Bäuchlein ausgestattet. Die Gruppe, die bisher zusammengeblieben war, stieß nun auseinander. Ein jeder versuchte auf Schleichwegen nach Hause zu kommen. Ich erreichte auch unentdeckt unser Haus. Aber vor der Tür hatten sich Kinder angesammelt, die mich mit der für sie freudigen Überraschung vertraut machten, dass ein Polizist schon bei meiner Mutter gewesen wäre und ich wohl mit einer Tracht Prügel rechnen müsste. Eines der Kinder muss mich wohl unter Drängen eines Polizisten verraten haben. Wie lieb die Kinderchen schon damals waren.

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Alles nochmal gut gegangen

Schweißgebadet vom Laufen und jetzt noch mit Bangen im Herzen schellte ich an. Aber Mutter war gnädig mit mir, obwohl sie zunächst einen Schrecken bekommen hatte, als der Polizist bei ihr erschien, denn kein Mensch wollte mit der Polizei zu tun haben, was bei Freund und Feind immer den Verdacht einer Unredlichkeit auslöste. Mutter ermahnte mich und befahl mir, das Fußballspielen auf dem Markt einzustellen. Ich weiß nicht, ob ich das versprochen habe. Tatsache ist aber, dass ich nach wie vor auf dem Markt Fußball spielte, allerdings als Torwart in einer Nische hinter einem Pavillon, wo Mutter mich nicht sehen konnte.

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Die Schuhe mussten leiden…

Hin und wieder geschah es, dass man beim Treten des Balles einen hervorragenden Stein des rauen Pflasters traf mit dem Ergebnis, dass die Sohle sich vom Schuh löste und herunterklaffte. Keiner besaß Fußballschuhe. Wir spielten mit den normalen Tretern. Für einen solchen Fall hatte ich vorgesorgt, denn mit dem geschundenen Schuh konnte ich mich bei Mutter nicht sehen lassen, um sie nicht zu betrüben. Wir waren ja keine reichen Leute, Mutter bekam lediglich einer Kriegerwitwenrente, sodass wir nicht dauernd Schuhe zu Reparatur geben konnten. Ich humpelte mit dem Schlappschuh in den Garten hinter unserem Haus, kletterte an der Veranda hoch und holte dort Dreibein, Hammer und Nägel hervor, die ich dort gut versteckt hatte. Nach der Reparatur kletterte ich zurück in den Garten und ging nach vorne zur Haustür, schellte dort und hatte einen störungsfreien Empfang bei meiner Mutter. Ich kam mir richtig menschlich und fürsorglich vor, weil ich keinen Ärger ausgelöst hatte.

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Verletzungen gab es leider auch

Natürlich spielte ich weiter Fußball. An einem Samstagnachmittag – es ging schon so langsam auf den Abend zu – tobte auf dem Kleinen Markt wieder eine Fußballschlacht. Bei einem heftigen Einsatz stolperte ich und fiel auf das Pflaster. Sofort spürte ich einen starken Schmerz im linken Arm und konnte den Unterarm nicht mehr bewegen. Ich achtete nicht darauf, denn der Kampf war wichtiger und ging weiter bis in die Dämmerung, als wir kaum noch uns selbst und viel weniger noch den kleinen Ball sehen konnten. Ich eilte nach Hause und fragte meine Mutter beiläufig, ob sie wohl etwas zum Einreiben hätte, denn ich hätte mir wahrscheinlich eine Prellung am Arm zugezogen. Mutter in ihrer fürsorglichen und gründlichen Art ging aber der Sache auf den Grund. Ich musste den Arm freimachen, fast wäre es mir bei dem sich bietenden Anblick schlecht geworden. Der Knochen des Unterarms stand neben dem Gelenk, war also ausgerenkt. Hemd und Jacke wurden umgehängt, so lief ich mit Mutter zum Hausarzt, der Gottseidank zu Hause angetroffen wurde, obwohl es Samstagabend war. Der Arzt alarmierte noch einen gegenüber wohnenden Chiropraktiker. Und dann begann die Prozedur der Behandlung.

Hier muss ich eine Zwischenbemerkung einschieben.

Auf der Margarethenhöhe hatte ich mehrmals die Ehefrau des Hausarztes gesehen, die mich außerordentlich wegen ihrer auffallenden Schönheit – so wie ich es sah – beeindruckte. Immer, wenn ich sie zu Gesicht bekam, und wenn es auch nur auf größere Entfernung geschah, habe ich sie ehrfürchtig bewundert. Frauen und Mädchen erschienen mir damals wie Engel, also wie höhere Wesen.

Zurück zu meinem Unfall. Ich befand mich nun im Hause des Arztes und hatte die Vorstellung, dass irgendwo in den benachbarten Räumen auch das angehimmelte Wesen schwebte. Mit diesem Gedanken enteilte ich ins Unterbewusstsein, verursacht durch eine Äthernarkose. Von dem Einrenken des Knochens habe ich nichts bemerkt, wohl verspürte ich einen leichten Druck, der gemildert wurde durch einen Traum, in dem mir die Holde lächelnd erschien. Als ich nach der Prozedur aufwachte und Schmerzen verspürte, zu denen sich noch ein Unwohlsein mit Brechreiz gesellte, da konnte mir die im Traum erschienene auch nicht helfen. So enttäuschend und untreu können also „höhere Wesen“ sein.

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Der Unfall und meine Sportnote

Der Unfall selbst hätte beinahe für mich noch eine unangenehme Folge gehabt. In der Schule konnte ich mit meinem bandagierten Arm in den nächsten Wochen natürlich nicht am Sportunterricht teilnehmen. Grade zu dieser Zeit aber bekamen wir einen neuen Turnlehrer, der – es war kurz vor der Zeugnisausgabe – uns mitteilte, welche Zensuren er jedem einzelnen erteilen würde. Zu meinem Entsetzen hatte er für mich eine „Mangelhaft“ vorgesehen, obwohl er meine Leistungen im Sport überhaupt nicht beurteilen konnte.

Bei der Vorstellung, dass in meinem Zeugnis eine „4“ (das war damals die zweitschlechteste Note) prangen würde, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. In der nächsten Unterrichtsstunde bemerkte unser Klassenlehrer mein verheultes Gesicht und ließ sich berichten. Er sorgte dafür, dass keine Note „4“ auf das Zeugnis kam, sondern stattdessen in der Spalte „Leibesübungen“ ein Strich erschien. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt.

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Der Marktplatz heute: im Gegensatz zur Abbildung ganz oben komplett mit Autos zugeparkt, sodass Fußball oder andere Spiele leider nicht mehr möglich sind. Sehr schade! Foto: Manfred Raub

Manfred Raub
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Manfred Raub lebt seit 1979 auf der Margarethenhöhe. Er ist Mitbegründer des Kunstkreises Margarethenhöhe und Inhaber des Ateliers am Laubenweg. Seit 2008 ist er als Gästeführer auf der Höhe unterwegs. Aus seiner umfangreichen historischen Foto- und Postkartensammlung erstellt er regelmäßig Kalender und unterstützt auch diesen Blog mit Texten und Bildern.