Die Sage von der Sommerburg

Die Sage von der Sommerburg

9. Dezember 2023 3 Von Heinz Kaschulla
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Heinz Kaschulla lebt seit über 70 Jahren auf der Margarethenhöhe. Er trägt persönliche Erinnerungen und historische Fakten über seinen Heimatstadtteil zusammen - für sich selbst, seine Kinder und Enkelkinder. Und auch für diesen Blog stellt er seine umfangreichen Recherchen zur Verfügung.

Bild oben: Rekonstruktion der Motte Sommerburg. Zeichnung: Hugo Rieth


Zur Geschichte der Margarethenhöhe gehört auch die Sage von der Sommerburg. Es gibt aber – wie das oft bei Sagen ist – nicht nur eine Sage.

Die Sage von der Sommerburg

In dem Wald, der die Siedlung Margaretenhöhe begrenzt, liegt ein Teich, den die Sage wundersam umwoben hat: Er gehörte zu der Sommerburg, die einst an dieser Stelle stand. Als wilde Kriegsvölker das Land durchzogen, fiel ihnen auch die Burg zum Opfer. Ihre Bewohner, die das Unheil vorhergesehen hatten, konnten zwar ihr Leben retten, nicht aber Schätze, die von alters her im Schloss verborgen waren, und unter denen sich auch die goldene Spindel der Gräfin befand. 

Sie erwählten darum den Grund des Wassers zum Versteck, senkten die Kostbarkeiten in die Tiefe und bedeckten sie mit einem schweren Stein, für den sie den Teufel als Wächter bestellten. 
Seitdem hält ein böser Zauber den verborgenen Reichtum fest, und obgleich die Menschen darum wissen und seinen Besitz ersehnen, will es ihnen nicht gelingen, ihn zu heben. 

Das musste ein kühner Bauer erfahren, der seinen Sinn auf die versunkenen Schätze stellte und einen Plan ersann, sie zu gewinnen. Längst schon hatte er die Stelle ausgekundschaftet, an welcher sich der Stein befand, und in hellen Mondscheinnächten erprobte er das Werk. 

Als ihm der Erfolg sicher schien, zog er im Schutze der Dunkelheit mit zwanzig Mann und vierzig Pferden aus, das Glück zu holen. Niemand sprach ein Wort dabei; denn so hatte er es in alten Zauberbüchern gelesen. Nur das Klirren der Ketten erklang und das Schnauben der Tiere. 
Stumm gehorchten die Knechte den stummen Befehlen ihres Herrn, der mit erwartungsvollen gierigen Blicken auf den Grund des Wassers hinabsah, wo die Ketten den Zauberstein schon wie blanke Fangarme umklammert hielten. Ein Ruck -und das Wunder schien geschehen-  der Stein bewegte sich, so dass der Wasserspiegel schwankte. Jede Sekunde konnte vollends die Erfüllung bringen. 

Da, im Augenblicke höchster Erwartung löste freudiges Erschrecken einem jungen Knecht die Zunge, dass er unbedacht den Ruf ausstieß: »Gott sei Dank, wir haben ihn!« 

Kaum, dass ihm das Wort entflohen war, drang aus der Tiefe ein Wutschrei, der die Menschen bis ins Mark erbeben machte. Das Wasser spritzte turmhoch auf und mit einem dumpfen Fall sank der Stein tiefer in den Grund, so dass Menschenaugen ihn niemals wieder erblickten. 

Und immer noch verzaubert
Liegt am geheimen Platz 
Der Gräfin gold’ne Spindel,
des Grafen gold’ner Schatz. 

Und niemand kann sie heben,
wie man auch sucht und sinnt,
die wundersame Sage
im Volke weiterspinnt.

Hebung des Steins aus der Sage. Zeichnung: Hugo Rieth


Archäologische Fundkarte der Sommerburg. Zeichnung: Ingrid Wosnitza, Uni Essen.
Motte (frz. Wort für „Erdhügel“) in England. Zeichnung: Hugo Rieth


Die Sage von der Sommerburg- 2. Variante

Es war zu einer Zeit, als es noch Wölfe und Bären in unserer Heimat gab, die sich auch gern in der Nähe der Sommerburg herumtrieben. Jedermann fürchtete die wilden Tiere, nur nicht der Graf von der Sommerburg, der so stark war, dass er mit bloßen Händen einen Wolf erwürgen oder nur mit einem Messer einen Bären töten konnte. 

Eines Tages zog er in den Krieg. Lange blieb er fort. Als er aber endlich zurückkehrte, brachte er eine junge schöne Frau mit, deren fremdländisches Aussehen die Einheimischen mit Misstrauen erfüllte. Braune Haut hatte sie, eine feine, etwas orientalische Nase, große glänzende Augen und pechschwarzes Haar. 

Der Graf von der Sommerburg liebte seine junge Frau abgöttisch – einen Sommer lang. Dann kam der Herbst, und wie es oft so geht, verschwand der Reiz des Neuen; der Graf kümmerte sich immer weniger um seine Frau, die bald von Heimweh geplagt und immer einsamer wurde. Lange konnte sie an einer Fensteröffnung sitzen und den Vögeln nachsehen, die frei und unbehelligt in den Süden zogen, wo ihre Heimat lag.

Schließlich, als für sie keine Hoffnung mehr bestand, die Liebe ihres Mannes zurück zu gewinnen oder wenigstens zu ihrer Familie zurückzukehren, nahm sie ihren Brautschatz, ein goldenes Spinnrad und einen Kessel voller Gold und Perlen und stürzte sich in einen Sumpf in der Nähe der Sommerburg. Noch heute liegt ein schwerer Stein auf ihrem nassen Grab, den keine hundert Pferde fortbewegen können. 

Diese alte Sage führte dazu, dass in der Vergangenheit oft von Irrlichtern erzählt wurde, die über dem Grab der schönen Fremden schwebten; auch schwarze Katzen sollen sich gern in seiner Nähe herumgetrieben haben. Die geheimnisvolle Geschichte von dem goldenen Spinnrad spukte so sehr in den Köpfen der Rüttenscheider und Holsterhauser Bauern herum, dass sie 1860 tatsächlich in den Sommerburgwald zogen und nachgruben, um den sagenhaften Schatz zu heben.

Und tatsächlich fanden sie einen großen Stein, unter dem einige verrottete Reste von Eichenbalken lagen. Keine Spur natürlich von einem Schatz. Immerhin sorgte das Unternehmen damals für so viel Aufsehen, dass sich noch Jahrzehnte später um die Jahrhundertwende bei den Rüttenscheider und Holsterhauser Bauern der Brauch entwickelte, in jedem Jahr an einem Vollmondabend im Mai in den Sommerburgwald zu ziehen, dort einige Spatenstiche zu machen, die die Schatzsuche symbolisierten, und anschließend ein feuchtfröhliches Fest zu feiern.

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Sagenhaftes Ruhrgebiet

Die zwei Varianten zur Sommerburg-Sage sind in folgendem Internet-Portal dokumentiert: www.sagenhaftes-ruhrgebiet.de

Dahinter steckt die Initiative »Sagenhaftes Ruhrgebiet«, ein Projekt der 
Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 mit Sitz in Hattingen an der Ruhr. Die Stadt Hattingen fördert dieses Portal. Initiator dieses Projekts ist das Institut für Erzählforschung im Ruhrgebiet unter der Leitung von Diplom Theologe Dirk Sondermann in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für freie Informationssysteme. Der Internetauftritt dieser gemeinwohlfördernden freien Initiative wird durch ehrenamtliche Tätigkeit aktualisiert und verwaltet. Alle Inhalte werden zur kostenlosen Nutzung angeboten.

Margarethenhöher Notizen

Die Sage der Sommerburg wurde auch von Hugo Rieth in den Margarethenhöher Notizen veröffentlicht.

Die Skizzen und Fotos von Hugo Rieth, die wir hier verwenden dürfen, stammen aus den Margarethenhöher Notizen.